 |
Zweifache Priesterweihe in der Christkatholischen Kirche
Bischof Fritz-René Müller hat am Samstag, den 14. Januar 2006, um 11 Uhr in der Augustinerkirche in Zürich Frau Marlies Dellagiacoma aus Kriens und Herrn Klaus Wloemer aus Oberhünigen zum Priesteramt geweiht.
Beide Priester waren ursprünglich römisch-katholisch und haben sich nach ihrem Übertritt während längerer Zeit als Laien im kirchlichen Leben der Christkatholischen Kirche engagiert, bevor sie ihrer Berufung folgten und die theologische Ausbildung für das Pfarramt absolvierten.
Frau Dellagiacoma ist die dritte Frau, die seit der Zulassung der Frauen zum Priesteramt vor sechs Jahren geweiht wurde. Dass diesmal aber ein Mann und eine Frau gleichzeitig das Sakrament der Priesterweihe empfingen, ist ein eindrückliches Zeichen dafür, dass die Christkatholische Kirche die Berufung von Menschen beiderlei Geschlechts ernst nimmt und in ihr kirchliches Leben integriert.
Marlies Dellagiacomas Werdegang zur Priesterin
Klaus Wloemer – Priester der Christkatholischen Kirche
Es sind „zwei Ros’ entsprungen“! (von Jörg Martin Dietschi)
In Anlehnung an das wunderbare alte Adventslied sei hiermit verkündet, dass dem klerikalen Stamm der christkatholischen Kirche ein Rosenzweig mit zwei berührend schönen Rosen entsprungen ist. Die Rede ist von der Weihe einer Diakonin zur Priesterin und gleichzeitig von einem Diakon zum Priester, ein bisher einmaliger Vorgang in der christkatholischen Kirche.
Und so blüht denn in der Zürcher Augustinerkirche am Samstag, dem 14. Januar 2006, eine Feier auf, die von Anfang bis zum Schluss die Menschen, die gekommen sind, tief beeindruckt. Und gekommen sind sie aus allen Landesteilen der Schweiz, Laien und Priester, Synodalräte und Synodalrätinnen, Menschen, die in ihren Gemeinden Verantwortung tragen, Frauen, Männer und Kinder, Gäste aus anderen Kirchen, in langen schwarzen Gewändern Vertreter der orthodoxen und koptischen Kirchen, anglikanische Priester und Priesterin und schliesslich auch Vertreter der benachbarten protestantischen und römisch-katholischen Gemeinden.
Nach Glockengeläut und mit Orgelgebrause zieht die Priesterschar, gekleidet in weisse Messgewänder und der dem Fest entsprechenden roten Stola, in die übervolle Kirche. Unter ihnen wird mit besonderer Freude unsere zweite christkatholische Priesterin, Annemarie Kaufmann, warmherzig wahrgenommen. Zum Abschluss schreitet der Hirte der ganzen Schar, Bischof Fritz René Müller, hinter der Diakonin Doris Zimmermann mit dem Evangeliar, durch den Mittelgang zum Altar.
„Nun jauchzt dem Herren, alle Welt.
Kommt her, zu seinem Dienst euch stellt;
kommt mit Frohlocken, säumet nicht;
kommt vor sein heilig Angesicht.“
Dieses an den Anfang gestellte Lied des Davidpsalms, komponiert im 14. Jahrhundert, drückt die Stimmung der ganzen Gemeinde, sicher aber der beiden (noch) Diakone Marlies Dellagiacoma und Klaus Wloemer besonders aus!
Nach dem Gloria erfolgt die erste, die alttestamentliche, Lesung durch Lisbeth Borer aus dem Buch Nehemia (8, 1-3,5-6,8-10,12): Esra führt das Volk in das Gesetz Gottes ein.
Aus dem 2. Johannesbrief, nun aus dem Neuen Testament, liest Jörg M. Dietschi das Kapitel über Wandel in Wahrheit und Liebe, das mit dem Gebot Gottes schliesst: Die Liebe muss euer ganzes Leben bestimmen.
Für beide Lektoren ist es eine besondere Ehre, an diesem hohen Tag das biblische Wort zu lesen, sind sie doch gemeinsame Weggefährten von Klaus gewesen in der Gruppe Erneuerung.
Halleluja!
„Halleluja“ singt der Kantor Pfr. Christoph Bächtold mit den jeweiligen Zwischenversen in der ursprünglichen gregorianischen Form, „Halleluja“ erwidert der Bistumschor von der Empore herab und mit „Halleluja“ stimmt die Gemeinde in den Jubelruf ein.
Von Ministrantinnen mit leuchtenden Kerzen umrahmt, liest Diakonin Doris Zimmermann aus dem Matthäus Evangelium das Kapitel über den versteckten Schatz und die Perle, ein Symbol, das Bischof Fritz René Müller in seine Predigt aufnehmen wird.
Unter das Zitat aus dem 2. Johannesbrief, Ihr sollt in der Liebe leben, stellt der Bischof seine Predigt im Ganzen. Er weist vorerst auf das Besondere an diesem Festtag hin, auf die gleichzeitige Weihe einer Frau und eines Mannes. In einem Informationsbulletin sei die Nachricht an die Medien geschickt worden. Interessant sei jedoch, was die Redaktion Religion des Radios DRS 2 damit gemacht hätte. Es wurde mitgeteilt, dass in der Christkatholischen Kirche der Schweiz die dritte Frau die Weihe ins Priesteramt empfange. Diese Frau sei auch namentlich kurz vorgestellt worden. Vom Mann hingegen, der gleichzeitig geweiht werden sollte, ist überhaupt nicht die Rede gewesen. „Mir kam es kurz wie Diskriminierung der Männer vor“, meint der Bischof. Natürlich entlockt dies der gesamten Zuhörerschaft ein Lächeln.
Zitate aus der Ansprache: „Der Wunsch und das Interesse vieler vor allem römisch-katholischer Menschen nach Einführung der Frauenordination sind und bleiben gross. Und auf diese war die Nachricht des Radios natürlich zugeschnitten. Die meisten altkatholischen Kirchen haben nach vielen Jahren intensiver Auseinandersetzung und Beratung seit einiger Zeit die Ordination von Frauen eingeführt. Unsere Schweizer Kirche hat heute mit der gleichzeitigen Weihe einer Frau und eines Mannes Gelegenheit zu demonstrieren, dass wir die Berufung von Menschen beider Geschlechter zum Priesteramt ernst nehmen und dies auch in unser kirchliches Leben und die Praxis integrieren.“
Keine Geschlechterrolle
„Es soll auch bei uns gar keine besondere Rolle mehr spielen, ob nun ein Mann oder eine Frau geweiht werden. Wir brauchen keinen Medienlärm anzustreben, schon gar nicht, wenn es um eine Weihe geht. Lärm und solche Umtriebe passen ja ohnehin nicht zu einer Weihe, denn die Weihe ins Priesteramt ist ein Sakrament, eine von der Kirche vorgenommene heilige Handlung und damit eine Art Mysterium.“
„Ihr sollt in der Liebe leben!“. Es gehöre zu den wichtigen Aufgaben einer Priesterin und eines Priesters, durch persönliches Tun und eigene Worte an das Gebot der Liebe zu erinnern. Damit ordnen sie sich in die lange Reihe von Mahnern ein.
Der Bischof weist auf den Evangeliumstext als ganz besonderen Weg dazu hin. Menschen würden durch das irdische Leben geprägt: „Freuden und Leiden, Gesundheit und Krankheit, Friede und Streit wechseln sich ab, stärken und schwächen uns.“ Das sei ein Feld der Seelsorge, das Ziel bestehe aber nicht allein zu helfen, sondern die Menschen auch empfindsam zu machen dafür, dass wir als Christinnen und Christen ständig unterwegs sind zum Reich Gottes. „Im Gleichnis wird das Reich Gottes mit einem vergrabenen Schatz und einer besonders wertvollen Perle verglichen. Wer diesen Schatz ahnt und der Perle auf die Spur kommt, gibt dafür alles her.“
Von oben herab erklingen nach der eindrücklichen Ansprache des Bischofs Engelsstimmen!
Isabel Schau, die später, zusammen mit Urs Schmitt, dem tongewaltigen Organisten, einen reichen Geigenklang während der Kommunion verströmen sollte, Helen Ringgenberg, die den Bistumschor während des ganzen Gottesdienstes aufblühen lässt und Regula Wloemer, evangelische Pfarrerin aus dem Emmental, diese drei Frauen singen aus dem Oratorium „Elias“ von Felix Mendelssohn „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, Von welchen mir Hilfe kommet“. Eben, wie Engel!
Die Weihe
Nach der Aufforderung durch Pfr. Neuhoff an die Kandidaten, vor den Bischof zu treten, und der Aufforderung des Bischofs an zwei Geistliche sowie an zwei Vertreter des Synodalrats, Zeugnis für sie abzulegen, geben Pfr. Reinhart und Urs Stolz ihre Zustimmung für Marlies Dellagiacoma, Pfr. Rein und Marianne von Arx für Klaus Wloemer. Auch die gesamte Gemeinde bekräftigt den Aufruf des Bischofs, mit „Priester sollen sie werden“!
Die Anrufung des Heiligen Geistes erfolgt mit dem alten Hymnus „Komm, Schöpfer Geist“ von 809 n. Chr. Beide Kandidaten geben dem Bischof ihre Zustimmung zu ihrem Auftrag und legen dazu ihr Versprechen ab. Uraltes Kulturgut der Kirche erklingt mit der gregorianisch gesungen Ordination und Litanei (CG 753) durch den Kantor und die Gemeinde.
Mit dem Anruf an „die Heilige Mutter Gottes, den Heiligen Johannes der Täufer, an Petrus und Paulus „Bitte für uns“ werden als zusätzliche Heilige Maria Magdalena, Nikolaus von Myra, Georg und sinnvollerweise auch der Heilige Augustinus angerufen.
Im Chor liegen, die Arme in Kreuzesform ausgestreckt, die beiden zu weihenden Diakonin und Diakon. Als sie sich erheben und niederknien legt ihnen der Bischof die Hände auf. Alle werden zutiefst berührt, als in der Stille der Kirche sämtliche anwesenden christkatholischen, altkatholischen und anglikanischen Priesterinnen und Priester an den Beiden vorbeiziehen und segnend die Hände auf ihre Köpfe legen.
Nach dem Weihegebet des Bischofs werden Marlies Dellagiacoma und Klaus Wloemer als Neupriesterin und Neupriester eingekleidet mit Kasel und Stola. Der Bischof salbt ihre Hände und entbietet ihnen seinen Friedensgruss. Noch einmal tritt die Priesterschar herbei und entbietet ihrerseits mit Handschlag oder Umarmung ihren Friedens- und Willkommensgruss.
Ebenfalls den Frieden besingt die Gemeinde mit dem „Dona nobis pacem“ und nun ist es an der Priesterin Marlies und dem Priester Klaus durch den Mittel- und die Seitengänge zu schreiten, um ihren Friedensgruss den Menschen zu überbringen. Sie dürfen nun erstmals als Priester, zusammen mit dem Bischof, die Eucharistie mitfeiern und am Ende des Gottesdienstes die Kommunion austeilen.
Nach dem feierlichen Schluss mit dem „Te Deum“, schreitet Urs Stolz wieder nach vorne, diesmal als Kirchgemeindepräsident, und lädt alle Anwesenden zum festlichen Essen in das Kirchgemeindehaus zur Münz ein. In Anlehnung an Nehemia teilt er mit, es koste nichts, dafür könne man umso mehr „auch denen geben, die nichts haben!“
Mit der neuen Kollegenschaft und dem Bischof ziehen die Neupriesterin und Neupriester aus der Kirche. Sie haben sich nun nach dem anfänglichen Vergleich mit dem Symbolbild der beiden blühenden Rosen verwandelt – in eine anmutige Pfarrerin und in einen mächtigen baumlangen Pfarrer!
Jörg Martin Dietschi
|
 |
|
|
|