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Die Bibel und die Kirche
Referat von Bischof Fritz-René Müller zum Abschluss des „Jahr der Bibel“
 

Bis heute prägt die Bibel das Denken und Handeln der Kirche. Als Heilige Schrift anerkannt, war sie nicht nur einigendes Band unter der Christenheit, sondern führte aufgrund unterschiedlicher Interpretationen, insbesondere seit der Reformation, zu Kirchenspaltungen.

 

Die Entstehung der ökumenischen Bewegung im 20. Jahrhundert mit dem einsetzenden Dialog unter den Kirchen verdankt sich nicht zuletzt dadurch, dass die Christen die Bibel als ihr gemein­sames Glaubensgut schlechthin wahrnahmen.

 

Das Urchristentum übernahm von den Juden das Alte Testament als „Heilige Schrift“ (2. Tim. 3, 15f). Dazu kam die zunächst mündlich tradierte Lehre Jesu, die verbindli­chen Charakter hatte. Als dann Paulus und andere Briefe schrieben und andererseits Berichte über Jesus verfasst wurden, entstand eine Reihe von Schriften, Briefen und Evangelien, die – ähnlich wie die Bücher des Alten Testaments – als verbindlich für Glaube und Leben gehalten wurden. Dazu kam mit der Apostelgeschichte eine Darstellung über die Ausbreitung der Kirche und mit der Offenbarung des Johannes (Apokalypse) ein prophetisches Buch über die Zukunft der Kirche.

 

Bibel als Autorität


Aus der Art, wie diese Schriften in der frühchristlichen Literatur verwendet werden, lässt sich ersehen, welche Bücher autoritative Geltung in der Kirche hatten. In den ersten beiden Jahrhunderten begann sich abzuzeichnen, welche Schriften als für die Kirche verbindlich betrachtet wurden.

Es kam allmählich zur Bildung eines biblischen Kanons, also einer Sammlung von Schriften, die normativen Charakter hatte und welche die Bibel immer mehr zu einer Autorität für den Glauben und das Leben in der Gemeinde werden liess. Die Bildung eines biblischen Kanons ist vergleichbar mit einer Art Ausleseprozess, dessen Sinn darin bestand, die Lehre Jesu Christi, seine Botschaft und seine Taten abzugrenzen gegenüber hellenistisch-römischer Philo­sophie, religiöser Sensation, gnostischem Gedankengut und andern Einflüssen der damaligen Zeit.

Die Bibel des Alten und des Neuen Testaments sieht Jesus Christus als ihren Mittel­punkt. Christus bezieht Worte des Alten Testaments auf sich, Worte, die durch sein Erscheinen erfüllt worden sind. Das Alte Testament kann dabei in seinem Verhältnis zum Neuen Testament als Parabel angesehen werden. Die Bogen der Parabel um­schliessen das alttestamentliche Gottesvolk. Der Scheitelpunkt der Parabel ist Christus selbst.

Bei jedem alttestamentlichen Text muss die Frage gestellt werden, ob und wie klar Christus von ihm aus gesehen werden kann. Die Begrenztheit und Vorläufigkeit der einzelnen alttestamentlichen Aussagen, auch die Erlösungsbedürf­tigkeit der alttestamentlichen Menschen tritt damit in das richtige Licht. Dabei darf nicht übersehen werden, dass das Alte Testament eine eigenständige Gottesoffen­barung enthält, die durch Christus anerkannt, aufgenommen und bestätigt worden ist.

Diese Beispiele zeigen andeutungsweise, wie die Bibel die Theologie der Alten Kir­che geprägt hat. Aber auch das Leben in den ersten Gemeinden (Gottesdienste, Eucharistie), die Praxis der Spendung von Sakramenten (z.B. Taufe, Busse, Fir­mung, Krankensalbung) und die Entwicklung des dreifachen Amtes (Diakonat, Pres­byterat, Episkopat) sind auf die Wirkung und Bedeutung der Bibel zurückzuführen. Man kann sagen: Die alte, ungeteilte Kirche des 1. Jahrtausends, die wir „katholisch“ (ohne „konfessionelle“ Bedeutung) nennen, ist auf zwei wesentliche Fundamente gegründet: die Bibel (Schrift) und die Tradition.

 

Die Bibel spaltet


Im 16. Jahrhundert, in der Reformationszeit, geht eine starke Bewegung und Er­schütterung bisheriger Vorstellungen und Ordnungen durch die Kirche. Die Absicht der Reformation besteht unter anderem darin, der Heiligen Schrift, der Bibel, (wieder) zu mehr Einfluss und Autorität in der Kirche zu verhelfen. „Nur die Schrift (sola scriptura)“ ist in der Kirche massgebend.

 

Auf Grund der biblischen Botschaft wird von den Reformatoren festgehalten, dass alle Gläubigen Sünder, aber trotzdem in dem­selben geistlichen Stand sind, dem allgemeinen Priestertum, und dass das Heil an keine Zwischeninstanz (ausser an das Evangelium und die Sakramente) gebunden ist. Auf alles andere in der Kirche kann verzichtet werden, nicht aber auf die Schrift.

 

Wir wissen, dass die damaligen, zum Teil unhaltbaren Zustände in der Kirche und das entschiedene Auftreten der Reformatoren mit ihrem Appell für die Bibel zum ersten grossen Bruch innerhalb der katholischen Kirche des Abendlandes geführt haben.

 

Eigentlich ist dies etwas Paradoxes: Ausgerechnet der ausgeprägte Wille der Reformatoren, der Heiligen Schrift und damit letztlich der frohen Botschaft von Jesus Christus in der Kirche wieder zu mehr Achtung und Gehör zu verhelfen, hat die Kir­che gespalten und zwei kirchliche Hälften entstehen lassen, von denen die eine sich vorwiegend auf die Tradition beruft und die andere auf die Schrift. Damit zerbrach das Prinzip der Alten, ungeteilten Kirche, die sich auf die Schrift und die Tradition gründete.

 

Die Bibel verbindet


Im 19. Jahrhundert kommt es zwischen expandierenden abendländischen Völkern zu neuen Kontaktmöglichkeiten gerade auch im kirchlichen Bereich. Es entstehen in reformatorischen und romfreien katholischen Kreisen weltweite kirchliche Vereini­gungen (Evangelische Allianz, Lambeth-Konferenzen der Anglikaner, Utrechter Union der Altkatholiken, Weltallianzen der Presbyteraner, Kongregationalisten und Baptisten, Konferenz der Methodisten).

 

Verbindendes Element aller dieser Vereini­gungen ist der Wille, die Person Jesu Christi, seine Worte und sein Erlösungswerk, wie sie uns im Zeugnis der Heiligen Schrift überliefert werden, ins Zentrum zu rücken: „Die biblische Botschaft ist das, was uns verbindet.“

 

 Im 20. Jahrhundert ent­wickelt sich die Ökumenische Bewegung nicht zuletzt dadurch sehr positiv, dass die Christen in der Bibel ihr gemeinsames Glaubensgut schlechthin wahrnehmen. Kir­chen der Reformation und von Rom unabhängige katholische Kirchen (Anglikaner, Altkatholiken und Orthodoxe) bauen ein Netz von Beziehungen untereinander auf und suchen auf der Basis der Heiligen Schrift und der Tradition das Gemeinsame und das Trennende darzustellen. Diesen Bemühungen, auf Grund der biblischen Botschaft die Einheit zu suchen, hat sich seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil auch die römisch-katholische Kirche angeschlossen.

 

Nicht nur Gottesdienst


Zum Schluss möchte ich die Bibel noch von einer ganz anderen Seite betrachten. Wenn es darum geht, etwas über ihre Bedeutung in der Kirche zu sagen, dann möchte ich jetzt unter dem Begriff „Kirche“ meine Christkatholische Kirche verstehen, deren Bischof ich bin.  Und da denke ich in erster Linie an ihre Rolle im Gottesdienst, aber auch im privaten Bereich. Hier nehmen wir die eigentliche Bestimmung der Bibel wahr: Im Wortgottesdienst steht sie im Zentrum, wenn aus dem Alten Testa­ment, aus Apostelschriften und aus den vier Evangelien gelesen wird.

In einem christkatholischen Gottesdienst, wo eine Diakonin mitwirkt, wird beim Einzug durch die Diakonin ein meist kostbares Evangeliar feierlich hineingetragen. Die Diakonin empfängt den Lesesegen und trägt die Lesung des Evangeliums vor. Links und rechts von ihr stehen Ministranten mit brennenden Kerzen. In diesem feierlichen Moment erscheint die Bibel als etwas Erhabenes, als kostbares Gut. 

Aber auch in den „Niederungen unserer Privatsphäre“ ist die Bibel anzutreffen. Nicht wenige unse­rer Kirchenglieder lesen jeden Tag die Bibel und lassen sich mit dem Bibellesekalen­der durch das Kirchenjahr führen. Anlässlich meiner Wahl zum Bischof habe ich den Gliedern unserer Kirche unter an­derem empfohlen, täglich ein paar Minuten für die Lektüre der Bibel zu verwenden. Es war für mich erstaunlich, welche Reaktionen diese Empfehlung hervorgerufen hat. Im Hinblick auf das „Jahr der Bibel“ war es eine „kleine“ Empfehlung mit „grosser“ Wirkung.

Zum Jahr der Bibel hat unsere Kirche einen kleinen Alltagspsalter auf Deutsch und Französisch herausgegeben, der in jeder Tasche Platz findet. Ich denke, dass wir durch ständige Aufmerksamkeit den Kontakt zur Bibel und deren regelmässige Lektüre fördern müssen, denn jedes Jahr ist ein Jahr der Bibel – seit bald 2000 Jahren!

+Fritz-René Müller

 

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